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Seite 1 | 2 | 3![]() Villa »Perle« um 1920 Zur Bildergalerie Kleiner Wohld kein Hotelpark Ostsee-Zeitung, 25.4 2007 Abriss für G-8-Gipfel ist schändlich taz vom 19.2.2007 Interview DANIEL SCHULZ Eine Perle weniger; Welt am Sonntag, 21.01.2007, Dirk Böttcher Gipfeltreffen wird zum Villa-Killer TAZ-Bericht 12.1.2007 DANIEL SCHULZ Ein Land auf Abriss Die Republik verliert ihr kulturelles Erbe.(Auszug) Die Zeit - Feuilleton: 11.01.2007 Hanno Rauterberg |
Ostsee-Zeitung, 25. April 2007
Kleiner Wohld kein Hotelpark Der Bürgerbund setzt sich dafür ein, dass der Kleine Wohld für alle zugänglich bleibt. Dadurch kippte der Flächennutzungsplan. Es war schon eine Überraschung, dass Bürgermeister Hartmut Polzin am Montagabend die Beschlussvorlage zur zweiten Änderung des Flächennutzungsplanes zurückzog. Vorangegangen war ein Änderungsantrag des Bürgerbundes. Die Waldfläche Kleiner Wohld in Heiligendamm solle nicht in eine Grünfläche mit der Zweckbestimmung private Grünanlage umgewandelt werden, forderte Hannes Meyer im Auftrag des Bürgerbundes. Die bisherige Zweckbestimmung Erholungswald sollte erhalten bleiben. Mit der Umwandlung des Waldes in einen für die Allgemeinheit nicht mehr zugänglichen Privatpark wird gegen Anordnungen des Amtes für Raumordnung und Landesplanung Mittleres Mecklenburg verstoßen, begründet Meyer. Sein Änderungsantrag fand die Mehrheit. 14 Stadtvertreter stimmten mit Ja, acht mit Nein. Unruhe im Sitzungssaal. Auszeit von zwei Minuten. Beratung mit dem Planer. Bürgermeister Polzin zog die Beschlussvorlage zurück. Durch diese Änderung sei der Flächennutzungsplan nicht mehr aktuell, begründet er. Der Plan müsse überarbeitet werden und dann erneut in die Stadtvertretung. Wenn die 4,1 Hektar große Waldfläche in eine Grünfläche mit der Zweckbestimmung privater Hotelpark umgewandelt würde, muss dies aufgrund der Größe im Flächennutzungsplan dargestellt werden. Meyer zeigt sich erleichtert. Vorübergehend. Relativ lange schon haben wir uns dafür eingesetzt, dass das Naherholungsgebiet in Heiligendamm für alle Gäste zugänglich bleibt, sagt er. Dem Hotel stünden ausreichend Parkflächen im Bereich zwischen Haus Mecklenburg und Alexandrinencottage zur Verfügung. Den Kleinen Wohld sollte man der Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Er sollte erlebbar bleiben. Seit vier Jahren ist er eingezäunt. Der Kleine Wohld ist Landeswald. Mit welchem Recht soll er der Öffentlichkeit vorenthalten werden, so fragt Meyer. Außerdem habe er auch Küstenschutzfunktion. Wir sollten für Doberaner und Gäste ein Stück Heiligendamm bewahren, vertritt Hannes Meyer den Standpunkt. Er wünscht sich eine differenzierte Politik, die beiden Seiten zugute kommt. Von der ECH war gestern leider keine Stellungnahme zum zurückgezogenen Flächennutzungsplan zu bekommen. Bürgermeister Polzin zog auch den Entwurf des Bebauungsplanes Nr. 30, Sondergebiete Hotel und Klinik, in Heiligendamm zurück. Er steht im Zusammenhang mit dem Flächennutzungsplan. Klaus-Peter Behrens stellte den Antrag, die B-Pläne zu Heiligendamm Sondergebiet Hotel, Thalasso-Zentrum, öffentlicher Servicebereich sowie Sondergebiete Ayurveda-Zentrum und Klinik für Plastische Chirurgie zurückzuziehen. So lange, bis die finanzielle Durchführbarkeit nachgewiesen werden kann, begründet Behrens. Seine Anträge fanden keine Mehrheit. Beide Beschlussentwürfe fanden Zustimmung. Ostsee-Zeitung | Wochenendausgabe, 07. April 2007 Anzeige wegen Abriss der »Villa Perle« Rostock (OZ/mcp) Der Naturschutzbund (NABU) hat bei der Rostocker Staatsanwaltschaft Anzeige wegen der vorsätzlichen Zerstörung von Fledermausquartieren in Heiligendamm erstattet. Anlass der Anzeige gegen Verantwortliche des Landkreises Bad Doberan ist der Abriss der Villa Perle. Dort habe sich, laut NABU, die Kolonie einer geschützten Fledermausart befunden. Gleiches gelte für weitere Gebäude in Heiligendamm, die abgerissen wurden oder abgerissen werden sollen. Die Ermittlungen wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz wurden aufgenommen. Das Gesetz verbietet, Nist, Brut und Wohnstätten von Fledermäusen zu zerstören. taz Nr. 8205 vom 19.2.2007, Seite 6, 133 Interview DANIEL SCHULZ »Abriss für G-8-Gipfel ist schändlich« Der Chef der Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, kritisiert die Investoren des G-8-Hotels in Heiligendamm Im Grand Hotel in Heiligendamm treffen sich im Juni die acht mächtigsten Staatschefs der Welt zum G-8-Gipfel. Das Hotel und die so genannte Perlenkette - ein Ensemble von sieben historischen Strandvillen - in dem Ostseebad gehören zum Immobilienimperium des Investors Anno August Jagdfeld und seiner Fundus-Gruppe. Trotz Protesten vor Ort lässt Fundus mehrere der klassizistischen Häuser abreißen. Kürzlich behauptete die Fundus-Gruppe, der Chef der Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, habe das Vorhaben befürwortet. taz: Herr Kiesow, weil in Heiligendamm eine Pressetribüne für den G-8-Gipfel entstehen soll, wird dort eine historische Villa abgerissen. Zwei weitere Häuser sollen folgen. Die Investoren sagen, Sie heißen das gut. Gottfried Kiesow: Falsch. Die Fundus-Gruppe verbreitet Unwahrheiten. Ich habe dem Abriss einer Villa für den G-8-Gipfel nie zugestimmt. Auch nicht dem der anderen zwei Häuser, die von der Denkmalbehörde Mecklenburg-Vorpommerns leider zum Abriss freigegeben wurden. Ich bin sauer, dass mein Name mit diesen schändlichen Taten in Verbindung gebracht wird. taz: Aber Sie haben im Januar 2005 doch mit dem Fundus-Chef Anno August Jagdfeld über diese Häuser gesprochen, oder? Gottfried Kiesow: Nein, wir haben über die vier anderen Villen der so genannten Perlenkette gesprochen. Denn die wollte Herr Jagdfeld auch noch abreißen lassen. taz: Tatsächlich? Wieso? Gottfried Kiesow: Um sie etwas größer wieder aufbauen zu lassen. Er wollte die Villen nämlich gern unterkellern und sechs Wohnungen darin unterbringen, und das geht bei den Häusern in der derzeitigen Größe einfach nicht. Um diese Katastrophe zu verhindern, habe ich ihm die Hilfe der Stiftung Denkmalschutz angeboten. Unsere fachmännische Sanierung sollte für ihn nicht teurer werden als ein Abriss der Häuser. taz: Und hat er zugestimmt? Gottfried Kiesow: Das Sanieren der Häuser sollen seine eigenen Leute übernehmen. Er hat aber versprochen, sich dabei an unsere Empfehlungen zu halten. taz: Glauben Sie ihm? Gottfried Kiesow: Ich habe wohl kaum eine Wahl. Fest steht: Bei unseren Handwerkern weiß ich, dass sie alte Häuser fachgerecht restaurieren können. Bei Herrn Jagdfelds Leuten weiß ich es nicht. Restaurieren ist eine Handwerksarbeit und keine Fabrikarbeit. Mit Großbetrieben, wie sie viele Bauherren beschäftigen, ist das nicht zu machen. taz: Hätte man die abgerissene Villa Perle noch retten können? Gottfried Kiesow: Natürlich hätte man das können. Ich kann die Argumentation von Fundus nicht nachvollziehen. Sie sagen, die Villa hätte abgerissen werden müssen, weil sie zu DDR-Zeiten umgebaut wurde. Aber wenn Jagdfeld sie originalgetreu wieder aufbauen will, muss er den alten Grundriss doch ohnehin wiederherstellen. Warum restauriert er nicht die echte Villa, anstatt eine Kopie zu machen? Da läuft die Diskussion im Kreis, das ist absurd. Für die anderen zwei Häuser, die abgerissen werden sollen, gilt das gleiche. taz: Wenn das für Sie als einer der wichtigsten Denkmalexperten klar ist, warum hat dann die Landesdenkmalbehörde in Schwerin anders entschieden? Gottfried Kiesow: Ich vermute, dass es politischen Druck gab. Das passiert einem Denkmalschützer dauernd. Ich habe das in meiner über 50-jährigen Tätigkeit Dutzende Male erlebt. Man darf dann keine Angst vor den Mächtigen zeigen. Ich hätte mir gewünscht, die Behörde in Schwerin hätte die Häuser in Heiligendamm nicht aufgegeben. Als Denkmalschützer ist man der Pflichtverteidiger des Denkmals, den Richter spielen die Politiker. Sie fällen vernichtende Urteile, aber nicht wir. taz: Eine Minderheit der Denkmalschützer in Mecklenburg-Vorpommern kämpft noch für den Erhalt von Heiligendamm. Ist das aussichtslos? Gottfried Kiesow: Auf keinen Fall. Denkmalschutz ist immer Kampf. Wenn wir uns einfach dem Einfluss der Politik beugen würden, dürften wir allerhöchstens noch die Fachwerkhäuschen von ein paar alten Omas in verlassenen Seitenstraßen bewahren. nach oben Welt am Sonntag, 21. Januar 2007 | Immobilien | Dirk Böttcher Eine Perle weniger Eine denkmalgeschützte Villa wird zu Straßensplitt Damit die Presse beim G8-Gipfel freie Sicht auf das Familienfoto der Weltmächtigen hat, gerät in Heiligendamm dem ältesten deutschen Seebad das berühmteste Gebäude einer klassizistisch-romantischen Villen-Kette unter die Abrissbirne. Eine Szenerie wie eine Kino-Kulisse: Der regenschwere Himmel trieft über einer zerfransten Ruine, deren Mauerreste einen malerischen Durchblick gestatten: Von der Rückseite hin zur Seefront, in der entglaste Fenster das Meer zu kleinen Gemälden rahmen. Wie zum Trotz reckt sich dazwischen eine vergessene Kachelwand, vor die in diesem Moment ein Bauarbeiter stolpert. Was für eine Villa das sei, weiß er doch nicht. Aber die kommt jetzt eh weg, sagt er und stakst über aussortiertes Gebäudeeingeweide: Ein Haufen rostiges Leitungsgedärm, dahinter einer mit kantigem Gebälk. Die Villa Perle wird seit Jahresbeginn aus der so genannten Perlenkette in Heiligendamm getilgt. Sieben mondäne Bauten im klassizistisch-romantischen Stil, die dem ältesten Seebad Deutschlands einen einzigartigen Charme verleihen, auch wenn sie schon seit über einem Jahrzehnt ungenutzt und zugenagelt daherstehen. Ein historischer Ort, der in vollendeter Harmonie über Meer, Strand, die aufgereihten Villen und den dahinter liegenden Wald gleitet. Der Abriss der unter Denkmalschutz stehenden Perle das Anfangsglied der Kette schafft Platz für eine Pressetribüne, von der aus Journalisten das Händeschütteln der Weltmächte beim G8-Gipfel im Juni beobachten sollen. Der Reiz des Denkmals mit dem bescheidenen Säulenportal, der ausgewogenen Kubatur und einer klaren geschoßweiten Staffelung ergibt oder besser ergab sich vor allem aus der Komposition mit den anderen Villen. Der Star ist das Ensemble, entstanden Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts nach den Plänen der Landeskondukteure des Großherzogs zu Mecklenburg-Schwerin. Der seinerzeit die Bebadbarkeit der Ostsee entdeckte, dies als der Gesundheit förderlich erachtete und zu diesem Zweck im Jahre 1793 ein Seebad begründete. Zunächst mit bloßen Strandhäuschen ohne Übernachtungsabsicht, die später ausgebaut zur Weißen Stadt am Meer avancierten und fortan Geschichte wie Geschichten schrieben. So kolportiert die mit Heiligendamm betraute Entwicklungsgesellschaft E.C.H. ein zur Fundus-Gruppe gehörendes Unternehmen der russische Zar habe die Villa Perle zum Badeurlaub bezogen. Im vergangenen Jahr sorgte für Schlagzeilen, dass Wladimir Putin diese Villa angeblich erwerben wollte. Die vorgesehenen Badezimmer-Armaturen allesamt aus purem Gold waren in den Gazetten bereits zu bestaunen und nun stieren zwei einfache Bauarbeiter aus einem gähnend leeren Fensterloch eines halberledigten Hauses. Am 2. Februar soll das Ding weg sein, raunt einer. Zu zweit zerbröseln sie die berühmteste Villa von Heiligendamm zu Straßensplitt. Sehr guter Straßensplitt, wie der Chef der Abrissfirma in der Lokalzeitung versichert. Ein Vorgang von rühriger Symbolik: Geschichte zerfällt zu Staub, oder immerhin Splitt, auf dem die Mächtigen der Gegenwart in ihren Limousinen dahin gleiten werden, um die Zukunft zu planen. Einige Anwohner hingegen sehen hier eher zu Staub zerfallen, was sie sich vor etwas mehr als zehn Jahren erträumten: Da kaufte die Kölner Fundus-Gruppe in einem bundesweit einmaligen Akt glatt den gesamten Ort, um ihn zu einem der exklusivsten Seebäder Europas aufzupäppeln. Die Villen der Perlen-Kette sollten saniert und restauriert werden, so die Auflagen im Vertragswerk. 192 Millionen Euro sammelte der Fundus-Fond 34 für das Gesamtkunstwerk Heiligendamm ein, 207 Millionen wurden investiert, 24 Prozent davon aus Fördermitteln. Heute, über ein Jahrzehnt später, stehen die Villen stoisch in traumhafter Kulisse, wie ein welkes Versprechen traumweißer Schönheit. Eigentlich sollten sie im Jahr 2000 saniert sein, dann zum G8-Gipfel 2007, dann auf jeden Fall danach. Nun fehlt eine Villa. Nach dem Gipfel zwei weitere. Der Abriss denkmalgeschützter Bausubstanz induziert auch in Heiligendamm das übliche Spannungsfeld zwischen Bewahrern und Investoren. Wir befürchten, dass in fünf oder sechs Jahren hier gar nichts mehr steht, sagt Axel Thiessenhusen von der Bürgerinitiative Heiligendamm. Die Abriss-Genehmigung verklauselt keine Pflicht zum Wiederaufbau. Den Traum von der Weißen Stadt am Meer hält er für ein Luftschloss der Politiker und Investoren. Hier wird ein großfürstlicher Traum geträumt, der jede Menge Geld kostet, das Fundus nicht hat, glaubt Thiessenhusen. Tatsächlich gingen die eingeworbenen Beträge für die Fundus-Immobilienfonds in den letzten Jahren merklich zurück: Von 200 Mio. Euro im Jahr 1999, auf 25 Mio. im Jahr 2005. Fundus-Sprecher Johannes Beerbaum nennt für die baulichen Untätigkeiten aber 2 1/2 andere Gründe: Erstens bat die Bundesregierung, bis zum G8-Gipfel keine Baumaßnahmen vorzunehmen. Damit da niemand eine Bombe vergräbt, so Beerbaum. Zweitens würde das Konzept für die Sanierung der Perlenkette den vorherigen Bau eines zweiten Hotels die Residenz Adlon am Meer voraussetzen. Die Idee dahinter ist, durch ein klassisches Bauträgergeschäft Eigentumswohnungen in den Villen zu verkaufen. Die von den Besitzern aber nicht ganzjährig bewohnt, sondern dem Hotel zu Mitvermietung angeboten werden sollen. Drittens, der halbe Grund, bliebe ein Detail am Rande: Vor Ort stehen schon 225 Hotel-Zimmer im gediegenen Kempinski zur Verfügung, dessen Auslastung auf 50 Prozent geschätzt wird. Ein zweites Hotel macht natürlich erst Sinn, wenn das Erste läuft, erklärt Beerbaum. Den Abriss der Perle begründet Fundus mit dem schlechten Zustand des Gebäudes. Bürgermeister wie die Landesdenkmalpflege bestätigen dies und erteilten entsprechende Genehmigungen. Der Fundus-Sprecher sagt dazu: Die Villen werden wieder zum Leben erweckt, neu erbaut und zwar so wie sie waren. Der Reiz der Geschichte sei schließlich der eigentliche Wert der Immobilien. Was der hiesige Architekt Hannes Meyer, ebenfalls Mitglied der Bürgerinitiative, für unmöglich hält: Ein neues Haus ist immer ein anderes Haus. Vorstellbar sei allenfalls ein Plagiat, das an Disneyland, nicht an Heiligendamm erinnert. Dass der Abriss nötig sei, hält Meyer für ausgemachten Quatsch und beruft sich dabei auch auf den Denkmalpfleger vor Ort. Der will seinen Namen nicht nennen. Die Unmöglichkeit der Sanierung ist für ihn aber eine Mär wie der Besuch des Zaren. Der war nie hier, nur die russische Großfürstin Marie. Die Zaren-Geschichte passt aber besser in das Investorenkonzept, wie auch der Abriss der Villa Perle, gegen den er sich vehement aussprach, bis ihn die Schweriner Landesbehörde zurückpfiff. Für den Denkmalpfleger sind die betreffenden Häuser voll sanierungsfähig. Dass gerade die Häuser 1, 3 und 5 in der siebenteiligen Kette abgerissen werden, hat für ihn einen tieferen Grund: Allen Gebäuden fehlen die Keller. Die sind aber als Versorgungsräume für die zukünftigen Nutzungsvorhaben unabdingbar. Durch den Abriss können diese nun einfach bis an die angrenzenden Gebäude gebaut werden und das gesamte Ensemble wäre preiswert unterkellert. Bleiben die Lücken in der Kette, wie befürchtet, verfügte das dahinter stehende Severin-Palais endlich über den Seeblick, um irgendwann den Namen Residenz Adlon am Meer zurecht zu tragen. Dirk Böttcher nach oben taz Nr. 8173 vom 12.1.2007 Seite 7 | TAZ-Bericht DANIEL SCHULZ Gipfeltreffen wird zum Villa-Killer In Heiligendamm muss ein 153 Jahre altes Badehaus weichen, damit eine Pressetribüne für die G-8-Tagung entstehen kann. Dem Investor, der beinahe den kompletten Ort aufgekauft hat, kommt der Polit-Trubel für seine Abrisspläne wohl gelegen Die alte Villa sieht aus wie ein Zahn mit Karies. Immer weiter bohren die beiden gelben Bagger ihre Schaufeln in das Innere des Hauses. Weil es in Heiligendamm regnet, staubt es nicht allzu sehr. Dadurch kann man in das Loch im Haus hineinsehen. Die alten Holzdecken hängen in Teilen herunter oder liegen zerstückelt auf dem Boden. In Deutschlands ältestem Seebad Heiligendamm wird abgerissen. Einst residierte in der 1854 erbauten "Villa Perle" der russische Zar beim Badeurlaub, doch nun soll hier eine Pressetribüne hin. Für die zwei Tage des G-8-Gipfels im Juni dieses Jahres, denn den haben Bund und Land nach Heiligendamm geholt. Auf den Überresten des klassizistischen Bungalows kann man vielleicht bald Auto fahren. Der Schutt werde zu Splitt verarbeitet, sagt der Abrissunternehmer. Splitt lässt sich hervorragend für den Straßenbau verwenden. Oder zum Streuen im Winter. "Einen derart unsensiblen Umgang mit Historie gibt es wohl selten", sagt Hannes Meyer von der Bürgerinitiative Heiligendamm. Der Architekt mit Büro in der nahen Stadt Bad Doberan, zu der Heiligendamm gehört, sieht "das städtebauliche Ensemble des Ortes gesprengt". Seine Initiative kämpft bereits seit vier Jahren gegen die Baupläne der Fundus-Gruppe, hinter der der Investor Anno August Jagdfeld steht. Die Gruppe mit Hauptsitz im nordrhein-westfälischen Düren hat den historischen Teil des Seebads nach der Wende fast komplett aufgekauft. Seither gibt es Zwist, der Abriss ist nur ein weiterer Höhepunkt. Unter anderem wurde um das 2003 eröffnete Kempinski Grand Hotel herum die Hälfte des Ortes gesperrt. Die wohlhabenden Gäste störten sich an schaulustigen Mecklenburgern. Zwischen die historischen Villen möchte Fundus gern noch ein zweites Hotel bauen. Da passt der Abriss der "Villa Perle" gut in die Pläne. Sie soll als moderne Ferienwohnung wieder aufgebaut werden - "natürlich originalgetreu", sagt Fundus-Sprecher Johannes Beermann. Man habe die Villa ohnehin abreißen müssen, "in der DDR wurde das Haus kaputtsaniert". Für Architekt Meyer ist das Unsinn: "Man hätte das Haus erhalten können, aber das war wohl zu teuer." Doch die Ansicht der Fundus-Gruppe wird von der örtlichen Denkmalbehörde gestützt. Auch die gab grünes Licht für einen Abriss - ein Erhalt mache keinen Sinn mehr. Im September 2002 sahen das die Offiziellen noch anders. Damals wurde in einem Grundlagenvertrag zwischen der Stadt und den Investoren festgehalten, "die Sanierung der nicht zum Grand Hotel gehörenden Gebäude zeitnah nach Fertigstellung des Grand-Hotels zu beginnen". Geldgeber Jagdfeld nannte sogar einen Termin, bis zu dem Häuser wie die Villa Perle wieder in neuem Glanz erstrahlen sollten: "Er strebt den Abschluss der Sanierung dieser Gebäude bis zum 31. 12. 2005 an." Stattdessen kamen nun die Bagger. Die Villa Perle wird nicht das letzte Opfer sein. Für zwei weitere Häuser hat Fundus ebenfalls eine Abrissgenehmigung. Wann die Villa-Killer hier wieder anrücken, ist laut Beermann noch nicht klar. Die Bürgerinitiative wird weiter dagegen kämpfen, doch derzeit steht sie allein auf weiter Flur. Der Bürgermeister von Bad Doberan, Hartmut Polzin (SPD), will die Abrissgegner am liebsten gar nicht wahrnehmen. "Bei uns hier gibt es wegen Fundus keine Unruhe", sagt er. "Ein paar Klagen gibt es immer." Die wurden von höheren Mächten gestern kurz erhört - gegen Mittag hatte einer der Bagger plötzlich eine Panne. Inzwischen jedoch wird weiter abgerissen, in drei Wochen soll von der "Villa Perle" nichts mehr übrig sein. nach oben Die Zeit - Feuilleton: 11.01.2007 Nr. 03 | Hanno Rauterberg Ein Land auf Abriss Auszug »... So fehlt es nicht nur an Geld und Menschen, es fehlt oft auch an Verstand. Heiligendamm zum Beispiel, ein Seebad, klar und prächtig, vor der Wende arg heruntergekommen. Die Landesherren in Schwerin waren froh, als der Geschäftsmann Anno August Jagdfeld und sein Immobilienfonds das verrottete Ensemble erwarb, um es in ein Hotel von Welt zu verwandeln. Er richtete alles her, so glorreich, dass sich nun selbst Blair, Bush, Merkel und die anderen G-Achter davon verlocken lassen und im Sommer dort einen Gipfel abhalten. Im Glanz der schönen Bauten werden sie sich sonnen und die Traditionsliebe der Deutschen preisen - dabei ist auch Heiligendamm die Geschichte einer Vernichtung. »So gut wie nichts wurde erhalten«, sagt der heute pensionierte Denkmalpfleger Dieter Zander, der mit ansehen musste, wie das Ensemble bis auf die Grundmauern ausgeweidet wurde. Vieles wurde abgeschlagen, entblättert, ausgeschabt, noch nicht mal die alten Dächer durften bleiben. Offenbar ist der Drang vieler Deutscher nach Sauberkeit und Ordnung unerbittlich. Anders als in Italien oder Frankreich, wo eine Wand auch mal fleckig, ein Pfeiler mal rissig sein darf, muss hierzulande das Alte aussehen wie gerade errichtet, so auch in Heiligendamm. »Für mich«, sagt Zander, »ist das kein Denkmal mehr. Das ist ein Neubau.« Und was ihn besonders ärgert: Das Hotelprojekt und damit die Zertrümmerung großer Teile der alten Bausubstanz wurden üppig mit Fördergeldern bezuschusst - mit 53 Millionen Euro. Im Gegenzug hätte der Staat zumindest verlangen müssen, sagt Zander, dass die sieben wunderbaren Cottages erhalten bleiben, kleine Villen, fast 200 Jahre alt und heute arg zerzaust. Auch die passten dem Investor Jagdfeld nicht ins Bild, und selbst die finanzielle Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz schlug er banausisch aus. Drei der Cottages, so ist's beschlossen, werden abgerissen, ohne Not. Einen neogotischen Turm hat Jagdfeld hingegen neu errichten lassen, eine reine Rekonstruktion. So ist es oft: Der Staat fördert, doch der Erhalt von Denkmalen ist dabei oft Nebensache. Manchmal bezahlt er sogar dafür, dass schützenswerte Häuser zerstört werden, er subventioniert den Gedächtnisverlust ...« Seite 1 | 2 | 3 nach oben |
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