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OSTSEE-ZEITUNG.DE Bad Doberaner Zeitung
Wochenendausgabe, 26. November 2005 | Titelseite Wellen in weißer Stadt schlagen höher Der neu entbrannte Streit um die Öffentlichkeit in Heiligendamm hat die nächste Ebene erreicht. Während die Investoren um Verständnis für Sperrungen werben, plant eine Initiative Protest-Aktionen. Bad Doberan Hans Schlag steht in einem Spielzimmer der Doberaner Awo-Kita »Uns Windroos« und tut, was er seit sieben Jahren tut: Wogen glätten. Im Raum sitzen 25 Leute; die Linkspartei lud zur öffentlichen Fraktionssitzung. Das Thema ist brisant: Es geht um das »Konzept Seeheilbad Heiligendamm.« Soeben hat Landtagsabgeordnete Birgit Schwebs drei Minuten lang mit vielen Worten gesagt, was sie von den neuesten Plänen der Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm hält: gar nichts. Hans Schlag erwidert, er fühle sich »langsam als Delinquent.« Seit mehr als einer Stunde erklärt er, was die kurz ECH genannte Entwicklungs-Compagnie im Auftrag der Investoren in Deutschlands erstem Seebad vorhat. Ein Kurgebiet soll eingerichtet werden. Weite Teile der weißen Stadt wären dann für die Allgemeinheit gesperrt. Nur Kur- und Hotelgäste hätten noch freien Zutritt. Schlag wirbt um Zustimmung, um Verständnis und erhält bei der Linkspartei beides kaum. Er spricht von den berechtigten wirtschaftlichen Interessen des Investors, der mehr als 200 Millionen Euro in Heiligendamm steckte. Er nennt Gründe, warum er den Kurgebiets-Plan für vernünftig hält. »Das Kempinski Grand Hotel hat nicht den Erfolg, den es haben könnte«, sagt er, weil zwar die Zahl der Gäste ausreiche, aber die Verweildauer um zwei bis drei Tage zu kurz sei. Das liege auch daran, dass sich viele Hotelgäste noch immer belästigt fühlen von Tagestouristen, von »Gaffern«. Schlags Argumente sind die gleichen wie vor zwei Jahren. Damals handelte eine Expertenrunde einen Kompromiss aus. Die weiße Stadt könne weitgehend abgeschottet werden, wenn für die Allgemeinheit ein Weg vom Molli-Bahnhof über das Hotelgelände bis zur Seebrücke gebaut würde. »Von diesem Weg glauben wir heute, dass er tödlich sein könnte für das Hotel«, sagt Schlag. Hannes Meyer von der Bürgerinitative «Für Öffentlichkeit in Heiligendamm« sieht darin die »Aushebelung einer demokratischen Entscheidung«. Als Hans Schlag am Donnerstagabend in der Awo-Kita spricht, sitzt Meyer mit seinen Mitstreitern von der Bürgerinitiative zusammen und überlegt: Wie ist es zu verhindern, dass Einheimische und Touristen ein für allemal aus Heiligendamm verbannt werden. Die Zeichen für die Bürgerinitiative stehen schlecht: Im Moment scheint es, dass eine knappe Mehrheit der Stadtvertreter den Plänen für die Einrichtung eines Kurgebiets zustimmen wird. Meyer weiß das. Er ist selbst Stadtvertreter. Im Raum wird heftig diskutiert. Pläne werden ausgeheckt, ent- und verworfen. Im Gespräch ist auch ein Bürgerbegehren. Irgendwann entscheiden sich die Frauen und Männer: »Wir starten eine Handzettel-Aktion«. Auf den Flyern wollen Meyer und seine Mitstreiter die Doberaner aufklären und zum Protest aufrufen. »Wir streben an, die Zettel in sämtliche Haushalte zu geben«, sagt er. Zeit bleibt bis zum 5. Dezember. Dann fällt die Entscheidung im Rathaus. Es wird eine knallharte Woche bis dahin. Für den Fall einer Niederlage kündigt Meyer Folge-Aktionen an. »Wir werden weitermachen«. T. P. OSTSEE-ZEITUNG.DE | Mittwoch, 23. November 2005 | Titelseite Ausschuss stimmt für Kurgebiet Nach dem klaren Ja des Ausschusses für Stadtentwicklung steigen die Chancen, dass Heiligendamm zu weiten Teilen gesperrt wird. Bad Doberan Fünf Ja-Stimmen, ein Nein: Die Entscheidung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Umwelt fiel gestern Abend deutlich aus. Mit ihrer Abstimmung empfahlen die Abgeordneten im Doberaner Rathaus, dass weite Flächen der weißen Stadt am Meer zu einem Kurgebiet zusammengefasst werden sollen. Darin enthalten sein sollen neben der Median-Klinik als Kureinrichtung auch das gesamte klassizistische Ensemble der Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm (ECH), einschließlich des Kempinski-Hotels und der geplanten Zentren für Thalasso, Ayurveda und Plastische Chirurgie. Für Einheimische und Urlauber hätte die Einrichtung eines Kurgebiets nach den derzeitigen Plänen zur Folge, dass sie ausgegrenzt wären. Wie aus einer Beschlussvorlage der Stadtverwaltung hervorgeht, sollen nicht nur die bereits gesperrten Wege unzugänglich bleiben, sondern auch die Prof.-Dr.-Vogel-Straße gesperrt werden und ein geplanter Stichweg entfallen. »Wenn das kommt, gäbe es keine direkte Verbindung mehr zum Seebrückenvorplatz«, sagte Hannes Meyer vom Bürgerbund. Er betonte, dass er einen Stichweg auch im Hinblick auf die Weltkulturerbe-Bewerbung Doberans für nötig hält. »Wir machen uns doch vor der Weltöffentlichkeit zum Löffel, wenn die Leute zwei Kilometer gehen müssen, um das klassizistische Ensemble zu sehen.« Meyer fühlt sich und die Bürger betrogen. »Der Stichweg durch die Hotelanlage zum Seebrückenvorplatz wurde als Kompromisslösung beim Kolloquium vereinbart«, so Meyer. Seiner Ansicht nach müsse die Einrichtung eines Kurgebiets auch nicht zwangsweise einhergehen mit einer Sperrung von Wegen. Der als Stadt-Berater fungierende Verwaltungsrechtler Albert von Mutius bestätigte dies, relativierte jedoch. »Es gibt in Deutschland Kurgebiete mit totaler Öffentlichkeit, aber auch welche mit ganz erheblichen Einschränkungen der Zugänglichkeit«, sagte er. Derzeit sei Bad Doberan in der Planungsphase. Noch sei alles möglich, zumal es eine Bürgerbeteiligung geben wird. »Das Kurgebiet soll der Planung hinsichtlich des Grundlagenvertrags zwischen Stadt und ECH eine Ausrichtung geben«, so von Mutius. Der Wirtschafts- und Tourismusausschuss wollte gestern Abend mehrheitlich nicht über die Einrichtung eines Kurgebiets abstimmen, weil es noch Unstimmigkeiten zwischen Median-Klinik und der ECH gebe. Median-Patienten sollen im künftigen Kurgebiet überall freien Zugang haben auch im Bereich des Kempinski-Hotels. Angeblich haben sich ECH und Median-Klinik darauf verständigt. »Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass er eine Einigung vor Augen hat und sich nachhaltig Sorgen um einen Fußweg für seine Patienten macht«, sagte CDU-Stadtvertreter Andreas Unterfranz gestern und bezog sich dabei auf ein Telefonat mit Median-Verwaltungsleiter Hagen-Volker Bendig. Ob das Kurgebiet tatsächlich kommt, werden die Stadtvertreter entscheiden. Sie tagen das nächste Mal am 5. Dezember. THOMAS PULT |
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